
Alle elf Jahre, ungefähr, macht die Sonne etwas Seltsames mit sich selbst: Ihre magnetischen Pole tauschen die Plätze. Was klingt wie eine astronomische Kuriosität, hat direkte Auswirkungen auf die Erde. Während der aktiven Phasen dieses Zyklus häufen sich Sonnenstürme, Polarlichter werden in mittleren Breiten sichtbar, und die Infrastruktur moderner Gesellschaften steht unter erhöhtem Stress. Im Minimum ist es ruhig, manchmal so ruhig, dass Sonnentage ohne einen einzigen Sonnenflecken vergehen.
Dieser 11-Jahres-Rhythmus ist keine Theorie, sondern eine der bestdokumentierten Regelmäßigkeiten der Astrophysik, belegt durch Beobachtungen seit dem Jahr 1755 und durch Proxydaten aus Baumringen und Eisbohrkernen bis weit in die Geschichte zurück.
Die Ursache liegt im Inneren der Sonne. Die Sonne ist keine feste Kugel, sie besteht aus heißem Plasma, das rotiert. Und dieser Rotation ist ein entscheidendes Merkmal: Sie ist differenziell. Am Äquator dreht sich die Sonne schneller als an den Polen, etwa 25 Tage für eine volle Umdrehung am Äquator gegenüber 35 Tagen an den Polen.
Diese Differenz verdreht die Magnetfeldlinien im Inneren der Sonne mit der Zeit immer mehr. Stell dir ein Wollknäuel vor, das man an zwei Enden unterschiedlich schnell dreht. Nach einer Weile ist der Faden so fest verdreht, dass er aufschwimmt und an der Oberfläche sichtbar wird. Bei der Sonne sind diese aufgestiegenen, verdrehten Magnetfeldröhren die Sonnenflecken.
Je stärker die Magnetfeldlinien verdreht sind, desto mehr Sonnenflecken gibt es, und desto aktiver ist die Sonne. Nach etwa elf Jahren hat sich die Konfiguration so weit aufgebaut und entladen, dass sich das Magnetfeld neu ordnet, die Pole wechseln, und ein neuer Zyklus beginnt.
Das ist das Grundprinzip des Solardynamos, und es erklärt, warum der Zyklus nicht exakt elf Jahre dauert. Es sind im Durchschnitt 11,1 Jahre, aber einzelne Zyklen dauerten zwischen 9 und 14 Jahren.
Sonnenflecken sind die sichtbarste Manifestation des Zyklus. Sie erscheinen dunkel, weil starke Magnetfelder die Konvektion, also den Wärmetransport durch aufsteigende heiße Plasmasäulen, in diesem Bereich hemmen. Die Oberfläche kühlt dadurch lokal auf etwa 4000 Kelvin ab, während die Umgebung rund 5500 Kelvin hat. Der relative Temperaturunterschied macht Sonnenflecken dunkel.
Die Sonnenfleckenzahl folgt dem Zyklus präzise. Im Minimum gibt es Tage oder Wochen ohne einen einzigen Flecken. Im Maximum können gleichzeitig viele Fleckengruppen auf der Sonnenscheibe sichtbar sein. Die tägliche Sonnenfleckenzahl, publiziert vom Solar Influences Data Analysis Center in Brüssel, ist die einfachste Echtzeit-Möglichkeit, den aktuellen Stand des Zyklus zu verfolgen.
Sonnenflecken allein lösen keine Sonnenstürme aus. Was entscheidet, ist die magnetische Konfiguration. Bestimmte Strukturen, sogenannte Delta-Konfigurationen, bei denen Felder entgegengesetzter Polarität eng nebeneinander liegen, sind wesentlich eruptionsgefährlicher als andere.
Das Solar Maximum ist der Zeitraum im Zyklus, in dem die Sonnenfleckenzahl und die Eruptionshäufigkeit ihren Höhepunkt erreichen. Es ist kein einzelner Tag, sondern eine Phase, die einige Monate bis über ein Jahr andauern kann, bevor die Aktivität allmählich zurückgeht.
Im Maximum treten Solar Flares und koronale Massenauswürfe häufiger und stärker auf. Geomagnetische Stürme, die Polarlichter in mittleren Breiten erzeugen, häufen sich. Für Polarlichtbeobachter in Deutschland ist das Maximum die beste Zeit überhaupt.
Das Solar Minimum ist das Gegenteil. Sonnenstürme werden seltener, schwächer, und manchmal vergehen Monate ohne nennenswerte Aktivität. Polarlichter in Deutschland sind im Minimum selten, fast schon außergewöhnlich.
Beides ist kein absoluter Zustand. Auch im Minimum können vereinzelt starke CMEs auftreten. Auch im Maximum gibt es ruhige Wochen.
Die Referenzgröße ist die internationale Sonnenfleckenzahl (ISN), veröffentlicht vom Solar Influences Data Analysis Center. Sie wird täglich aus den Beobachtungen von über hundert Stationen und Observatorien weltweit berechnet.
Für die Zukunft entwickelt sich die Helioseismologie als vielversprechendes Werkzeug. Schallwellen im Inneren der Sonne, ähnlich seismischen Wellen in der Erde, liefern Informationen über Strömungen und Magnetfelder tief unter der Oberfläche. Wenn es gelingt, die Dynamik des Solardynamos tief im Inneren zu verfolgen, könnte die Zyklusvorhersage deutlich genauer werden.
Während des Maximums sind Polarlicht-Sichtungen in Deutschland signifikant häufiger. Sonnenzyklus 25 hat das zwischen 2024 und 2026 eindrücklich gezeigt. Wer in dieser Phase nie versucht hat, Polarlichter zu beobachten, hat eine Gelegenheit verpasst, die in dieser Form erst im nächsten Maximum, also etwa 2035, wieder kommt.
Für die Infrastruktur bedeutet das Maximum eine erhöhte Belastung durch häufigere starke Stürme. Netzbetreiber, Satellitenbetreiber und Fluggesellschaften sind in Maximalphasen häufiger gefordert als im Minimum.
Das Minimum ist nicht die Zeit, alle Vorsicht zu vergessen. Starke Einzelereignisse können zu jeder Phase des Zyklus auftreten. Aber die Wahrscheinlichkeit eines G4- oder G5-Sturms ist im Maximum fünf- bis zehnmal höher als im Minimum.
Sonnenzyklus 25 – Aktueller Zyklus, Status und Prognose
Sonnenflecken-Historie – Geschichte der Sonnenfleckenbeobachtung
Solar-Flares der X-Klasse – Stärkste Sonneneruptionen
Koronale Massenauswürfe – Wie Stürme entstehen
Polarlicht in Deutschland – Polarlicht im Sonnenzyklus-Kontext