Wer Polarlichter in Deutschland beobachten möchte, schaut auf den Kp-Index. Das ist verständlich, denn der Kp-Index ist die bekannteste Zahl im Weltraumwetter, sie steht auf Warnseiten und in Alert-Apps. Was viele Beobachter aber nicht wissen: Der entscheidende Wert, der letztlich bestimmt, ob ein Sonnensturm Polarlichter auslöst oder nicht, ist ein anderer. Er heißt BZ-Wert, und er liefert die präziseste Echtzeitinformation, die für Polarlicht-Beobachter verfügbar ist.
Ein Kp-Wert von 7 mit dem falschen BZ kann eine schwache Nacht ergeben. Ein Kp von 5 mit dem richtigen BZ kann innerhalb einer Stunde zu einem Sturm eskalieren, der bis nach Norddeutschland reicht. Das Verständnis des BZ-Werts unterscheidet reaktive von vorausschauenden Beobachtern.
Der BZ-Wert ist die Nord-Süd-Komponente des interplanetaren Magnetfelds, also des Magnetfelds, das der Sonnenwind mit sich trägt. Das Kürzel Bz steht für die z-Komponente im heliosphärischen Koordinatensystem, wobei z die Achse senkrecht zur Ekliptikebene beschreibt. Positive BZ-Werte bedeuten, das Magnetfeld zeigt nach Norden; negative Werte bedeuten, es zeigt nach Süden.
Gemessen wird der BZ-Wert in Nanotesla (nT). Unter ruhigen Bedingungen schwankt er um null, mit Ausschlägen von typischerweise einigen nT in beide Richtungen. Während eines starken geomagnetischen Sturms kann er auf minus 30, minus 50 oder in extremen Fällen auf unter minus 100 nT fallen.
Das Erdmagnetfeld zeigt an den Polen nach innen und am Äquator nach außen. An der Seite, die der Sonne zugewandt ist, zeigt das Erdmagnetfeld an der Magnetopause nach Norden. Wenn das ankommende interplanetare Magnetfeld ebenfalls nach Norden zeigt, also ein positiver BZ vorliegt, sind beide Felder gleichgerichtet. Sie stoßen sich ab und bilden eine stabile Barriere.
Zeigt das interplanetare Feld dagegen nach Süden, also negativer BZ, sind die beiden Felder entgegengesetzt ausgerichtet. An der Grenzfläche zwischen Sonnenwind und Erdmagnetfeld kommt es dann zur magnetischen Rekonnexion: Die Feldlinien brechen auf, verbinden sich neu mit den Feldlinien des anderen Systems und öffnen effektiv ein Tor, durch das geladene Teilchen des Sonnenwinds in die Magnetosphäre einströmen können.
Dieser Mechanismus ist der eigentliche Antrieb geomagnetischer Stürme. Kein negativer BZ, keine Rekonnexion, kein Sturm. Das gilt selbst dann, wenn ein sehr dichter und schneller koronaler Massenauswurf eintrifft.
Die magnetische Rekonnexion findet an der Magnetopause statt, der Grenzfläche zwischen dem Erdmagnetfeld und dem Sonnenwind in etwa 10 Erdradien Abstand auf der Sonnenseite. Wenn ein nach Süden gerichtetes IMF auf die nach Norden gerichtete Magnetopause trifft, entstehen sogenannte X-Punkte, an denen Feldlinien aus beiden Systemen aufbrechen und sich neu verbinden.
Die neu verbundenen Feldlinien werden vom Sonnenwind zurückgezogen, wandern über die Polkappen und sammeln sich auf der Nachtseite der Erde im Magnetschweif. Dort akkumuliert magnetische Energie, bis ein zweiter Rekonnexionsprozess im Schweif einen Substorm auslöst: Energie wird explosiv freigesetzt, Teilchen werden in die Atmosphäre beschleunigt, und das Polarlicht leuchtet auf.
Die Intensität des Polarlichts hängt direkt davon ab, wie lange und wie stark der BZ-Wert negativ ist. Ein kurzer negativer Ausschlag von minus 15 nT über 30 Minuten ist weniger wirksam als ein anhaltender BZ von minus 20 nT über mehrere Stunden.
Der BZ-Wert wird vom DSCOVR-Satelliten gemessen, der am Lagrange-Punkt L1 positioniert ist, etwa 1,5 Millionen Kilometer zwischen Sonne und Erde. An diesem Punkt halten sich die Gravitationskräfte von Sonne und Erde gerade die Waage, sodass ein Satellit dort stabil bleibt und sich mit der Erde um die Sonne bewegt.
Der Sonnenwind legt die Strecke von L1 zur Erde in etwa 15 bis 60 Minuten zurück, abhängig von seiner aktuellen Geschwindigkeit. Das ist die Vorwarnzeit, die DSCOVR liefert. Wenn der Satellit einen stark negativen BZ meldet, weiß man: In einer Viertelstunde bis einer Stunde trifft dieses Magnetfeld auf die Erde.
Diese Vorwarnzeit ist kurz, aber ausreichend, um nach draußen zu fahren oder auf einem bereits gewählten Standort die Kamera aufzubauen. Für Polarlicht-Beobachter bedeutet das: DSCOVR-Daten sind das präziseste Echtzeit-Signal, das existiert. Weltraumwetter-Websites, die DSCOVR-Daten in Echtzeit zeigen, sind wertvoller als Kp-Prognosen, sobald ein Sturm begonnen hat.
Der Kp-Index ist ein globaler Mittelwert über drei Stunden. Er zeigt, wie stark das Erdmagnetfeld in den vergangenen drei Stunden insgesamt gestört wurde. Damit ist er ein rückblickendes Maß: Was er anzeigt, ist bereits passiert.
Der BZ-Wert dagegen ist ein Vorausblick. Er zeigt den aktuellen Zustand des ankommenden Sonnenwinds, bevor dieser auf die Erde trifft. Ein negativer BZ ist die Voraussetzung für einen Sturm, der Kp-Wert ist das Ergebnis, wenn dieser Sturm bereits wirkt.
In der Praxis bedeutet das: Wenn der BZ plötzlich auf minus 25 nT fällt, wird der Kp-Index in der nächsten Stunde steigen, aber der aktuell angezeigte Kp-Wert spiegelt das noch nicht wider. Wer auf den BZ reagiert, hat einen Zeitvorsprung. Wer wartet, bis der Kp-Wert hoch ist, hat die erste und oft intensivste Phase des Sturms schon verpasst.
Für die Praxis haben sich folgende Schwellenwerte als nützlich erwiesen:
BZ zwischen minus 5 und minus 10 nT: Leichte Aktivität. In Norddeutschland mit sehr gutem Standort und dunklem Himmel vielleicht eine schwache Kamera-Sichtung bei gleichzeitig erhöhtem Kp.
BZ zwischen minus 10 und minus 20 nT: Mittlere Aktivität. Der Kp-Index wird in dieser Lage steigen. Bei Kp 5 bis 6 und diesem BZ sind Sichtungen in Norddeutschland realistisch. Mit einem Alert aufbrechen, Standort mit freiem Nordhorizont ansteuern.
BZ unter minus 20 nT: Starke Aktivität. Der Kp-Index wird deutlich reagieren. Polarlichter sind wahrscheinlich, in Norddeutschland klar sichtbar, bei Kp 7 auch in Mitteldeutschland. Das ist der Moment, um sofort zu reagieren.
BZ unter minus 30 nT, anhaltend: Sehr starke Aktivität. Solche Werte treten bei starken CME-Ereignissen auf. Der resultierende Kp-Wert liegt fast immer bei 7 oder höher. Polarlicht-Sichtungen in ganz Deutschland realistisch, auch aus Bayern.
Wichtig: BZ-Schwellenwerte allein reichen nicht. Der Kp-Index muss auch reagieren, was er bei anhaltendem negativem BZ tut. Ein kurzer Ausschlag, der sich nach zehn Minuten wieder auf null dreht, reicht nicht für einen stabilen Sturm.
BZ-Daten werden von mehreren Websites als Echtzeitgraf dargestellt. Die typische Darstellung zeigt den BZ-Verlauf über die letzten ein bis zwei Stunden als Kurve. Was man dabei beachten sollte:
Stabilität zählt mehr als Spitzen. Ein BZ von minus 15 nT, der über 90 Minuten anhält, ist polarlichtrelevanter als ein kurzer Ausschlag auf minus 25 nT, der nach fünf Minuten wieder auf plus 5 springt. Stabile negative Werte ermöglichen anhaltende Rekonnexion und damit längere und intensivere Aktivität.
Der Wechsel von positiv zu negativ ist oft abrupt. Ein BZ, der über Stunden zwischen minus 5 und plus 5 nT schwankt, kann innerhalb von Minuten auf minus 30 fallen, wenn eine neue Magnetfeldstruktur innerhalb des CME die Erde erreicht. Solche Übergänge sind der Hauptgrund, warum DSCOVR-Daten in Echtzeit verfolgt werden sollten und nicht nur alle paar Stunden.
Der BZ kehrt sich auch um. Wenn nach einem langen negativen BZ-Abschnitt der Wert wieder positiv wird, endet der aktive Sturm oft schnell. Der Kp-Index fällt dann über die nächsten Stunden, auch wenn er vorher sehr hoch war.
Das interplanetare Magnetfeld hat neben der BZ-Komponente noch weitere Komponenten: BX (entlang der Sonne-Erde-Achse) und BY (quer dazu). Diese haben eigene Auswirkungen auf die Geometrie des Auroren-Ovals. Ein stark positiver oder negativer BY-Wert verschiebt das Oval asymmetrisch, sodass eine Erdhalbkugel mehr Aktivität sieht als die andere. Für Polarlicht-Beobachter in Deutschland ist dieser Effekt real, aber schwerer vorherzusagen als der BZ-Einfluss.
Der Gesamtbetrag des IMF, bezeichnet als Bt oder Btotal, gibt an, wie stark das Magnetfeld des Sonnenwinds insgesamt ist. Bei hohem Bt sind auch die Auswirkungen eines negativen BZ stärker, weil mehr Energie für die Rekonnexion zur Verfügung steht. Wenn also Bt hoch und BZ stark negativ ist, sind die Bedingungen besonders günstig für starke geomagnetische Aktivität.
Der BZ-Wert ist das wichtigste Echtzeit-Signal, aber kein vollständiges Bild. Der Sonnenwind bringt nicht nur Magnetfeldrichtung mit, sondern auch Dichte und Geschwindigkeit. Ein dichter, schneller Sonnenwind mit negativem BZ treibt einen stärkeren Sturm als ein langsamer, dünner Sonnenwind mit identischem BZ.
Der dynamische Druck des Sonnenwinds, berechnet aus Dichte und Geschwindigkeit, bestimmt, wie weit die Magnetopause komprimiert wird. Je weiter sie komprimiert ist, desto direkter ist der Sonnenwind-Kontakt mit dem Erdmagnetfeld. Bei sehr hohem Druck kann die Magnetopause sogar bis in geosynchrone Bahnen geschoben werden, wo sich Satelliten befinden.
Für eine vollständige Einschätzung der aktuellen Lage kombiniert man daher BZ, Bt, Sonnenwind-Geschwindigkeit und -Dichte. Diese Daten liefert DSCOVR gemeinsam. Zusammen mit dem aktuellen Kp-Index und Echtzeitberichten aus der Polarlicht-Community ergibt sich das präziseste mögliche Bild der aktuellen geomagnetischen Bedingungen.
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